Beurteilung (Fortsetzung)
Bis auf die Lage der CPU und RAM-Bänke sowie deren Ausrichtung und der sich daraus ergebenden Verschiebung der IDE Anschlüsse gleichen sich die Schemata wie ein Ei dem anderen. Der gesunde Menschenverstand muss sich an der Stelle fragen, ob der bessere Luftstrom nicht auch einfacher ohne BTX zu realisieren gewesen wäre. Und dass sich die wenigen Änderungen und Vorteile von BTX tatsächlich auch ganz anders, und das mit wesentlich weniger Aufwand, realisieren lassen bewies der Hersteller Avance auf der CeBIT mit dem Prototyp zu seinem neuen Terminator Gehäuse, in das aktuelle ATX Boards schlichtweg um 180° gedreht an der gegenüberliegenden Gehäuseseite eingebaut werden.

Nach dem Einbau des Mainboards befindet sich die CPU erstens nicht mehr über der heißen Grafikkarte sondern hat von Avance sogar zweitens einen eigenen Abluftkanal spendiert bekommen. An dessen Anfang und Ende lässt sich jeweils ein 80mm Lüfter montieren um eine optimale Kühlleistung zu gewährleisten und das ohne gänzlich neue Hardware oder nennenswerten Aufwand. Dass die RAM Bänke weiterhin senkrecht auf den Kartenslots stehen und das I/O-Shield die alte Größe behält ist als weniger wichtig abzutun, denn bei beiden Neuerungen darf der effektive Nutzen getrost bezweifelt werden.
Es scheint als wäre der neue Formfaktor von Intel entwickelt worden um vor allen Dingen den eigenen Problemen entgegenzuwirken, die derzeit primär darin bestehen, dass die aktuelle Prozessorgeneration mit einer viel zu hohen Verlustleistung und einer damit schlechten Kühlbarkeit zu kämpfen hat. Was das betrifft so könnte BTX zeitweise helfend unter die Arme greifen, aber es ist mit Sicherheit nicht der Weisheit letzter Schluss. Natürlich wurde ATX zu einer Zeit entwickelt in der die Prozessoren nur einen Bruchteil der jetzigen Verlustleistung abgaben und Grafikkarten nicht einmal über einen passiven Kühlkörper verfügen mussten. Somit ist ATX als nicht mehr hundertprozentig zeitgemäß anzusehen, doch BTX macht es in der jetzigen Form kaum besser.
Ob und wann sich BTX durchsetzt bleibt abzuwarten, aber zumindest scheinen sich auch bei den Herstellern Bedenken eingeschlichen zu haben, waren doch auf der CeBIT 2004, wie eingangs erwähnt, kaum kompatible Gehäuse, Mainboards und Netzteile zu erspähen. Ein laufendes System gab es dann nur bei Vorreiter Intel in einem Prototypengehäuse zu bewundern, doch auch dort konnte sich der neue Standard nicht von seiner Schokoladenseite zeigen, was jedoch zugegebenermaßen nicht viel mit BTX an sich zu tun hatte.
Besser sah es da schon in Sachen Übersichtlichkeit bei ASUS aus, vermutlich weil weder Kabel noch die nötige Hardware für ein lauffähiges System verlegt wurde und das ganze pro forma einfach in einem weiteren Gehäuse klebte. Dass es sich hierbei um ein BTX Mainboard handelt erkennt man lediglich an den RAM Bänken und mit gutem Willen an dem I/O-Shield.

Sicherlich, Verbesserungen braucht die Hardwareszene in vielen Bereichen, neue Standards und Innovationen haben ihre Berechtigung, doch den harten Schnitt den der BTX-Standard in dieser Form vorsieht, bedarf es objektiv betrachtet nicht. Ein großer Teil der Aussteller auf der weltweit größten Computermesse sah dies wohl ganz ähnlich.
[bf] 22. März 2004