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87 Millionen Nutzer laut Facebook-Schätzung

Facebook-Skandal: Noch mehr Nutzer vom Datenmissbrauch betroffen

Internet | HT4U.net
Nach ersten offiziellen Schätzungen von Facebook könnten bis zu 87 Millionen Nutzer von der Datenweitergabe an die Meinungsmanipulatoren von Cambridge Analytica betroffen sein. Das ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs, da unzählige App-Entwickler und Datensammler Zugriff auf die Konten der Facebook-Nutzer hatten.

87 Millionen minus x

Facebook nennt im Rahmen einer Stellungnahme, in der das Unternehmen seine Pläne für eine Zugriffsbeschränkung auf Nutzerdaten erläutert, die Zahl von 87 Millionen Opfern im Skandal um Cambridge Analytica. 81,6 Prozent der Betroffenen (70.632.350) kommen aus den USA und jeweils mehr als eine Million von den Philippinen (1,4 %), aus Indonesien (1,3 %) oder aus Großbritannien (1,2 %). Es folgen Mexiko (0,9 %), Kanada (0,7 %) und Indien (0,6 %). In einer Fragestunde mit Pressevertretern erklärte Mark Zuckerberg, dass es sich bei diesen Zahlen um Schätzungen handle. Man habe keine konkreten Daten aus dieser Zeit, weshalb man den schlimmstmöglichen Fall angesetzt habe. Hierzu wurde für jeden Nutzer, welcher die App von Dr. Aleksandr Kogan installiert hatte, das Maximum von Facebook-Freunden ermittelt. Dieser Wert muss aber nicht mit der Freundeszahl bei der Nutzung der App übereinstimmen, sodass vermutlich weit weniger Nutzer betroffen seien. Kogan übermittelte die von ihm gesammelten Daten an Cambridge Analytica, wobei neben den Daten der App-Benutzer auch die ihrer Freunde erfasst wurden.

Ein konzeptionelles Problem

Facebook wirft Kogan übrigens nicht vor, die Daten unberechtigterweise gesammelt zu haben. Der Akademiker hatte sich nämlich keineswegs auf illegale Weise Zugriff verschafft, sondern lediglich die von Facebook vorgesehenen Schnittstellen zum Zugriff auf die über Facebook offiziell bereitgestellten Daten verwendet. Die Nutzer hätten mit den Nutzungsbedingungen der App der Weitergabe ihrer Daten zugestimmt, und die Freunde hätten einer solchen Weitergabe in den Privatsphäre-Einstellungen von Facebook widersprechen müssen. Insofern war der Datenfluss an Kogan – nach Facebooks Ansicht – rechtens und auch so gewollt. Lediglich die Weitergabe an Cambridge Analytica wird von Facebook moniert, da diese gegen die Nutzungsbedingungen der App verstoße. Dies bedeutet, dass auch zig andere Apps, die teilweise auf deutlich höhere Nutzerzahlen als die 270.000 im Fall von Dr. Aleksandr Kogan kommen, fleißig Daten gesammelt haben. Was mit diesen Daten geschehen ist, wird die Zukunft zeigen. Fest steht allerdings, dass sich kostenlose Angebote nur über Werbung und den Datenhandel finanzieren lassen. Cambridge Analytica dürfte also nur die Spitze des Eisbergs sein. Aus heutiger Sicht sei diese Praxis ein Fehler gewesen, gesteht Zuckerberg ein.

Facebook will aus Fehlern lernen

Facebook ermutigt seine Benutzer, möglichst viele Informationen über sich preiszugeben. Diese Daten nutzt Facebook nicht nur für personalisierte Nachrichten und Werbung, sondern teilt sie auch mit seinen Partnern. Die Verantwortung wird dabei auf die Benutzer geschoben, welche ihre Freigaben konfigurieren und Nutzungsbedingungen vor dem Abnicken lesen sollen. In der Praxis ist Facebook allerdings auf vielen Geräten bereits vorinstalliert und wird nicht groß konfiguriert, sondern einfach nur genutzt. Und damit das Netzwerk möglichst schnell wachsen konnte, wurde die Suche nach möglichen Bekannten und Kollegen so einfach wie möglich gestaltet, ohne wirksame Barrieren gegen eine missbräuchliche Nutzung einzurichten. Inzwischen sagt Zuckerberg, Facebook sei seiner Verantwortung hinsichtlich dieser gewaltigen Menge sehr persönlicher Daten nicht gerecht geworden, doch man wolle aus diesen Fehlern lernen.

Erste Maßnahmen wurden bereits gestern umgesetzt, weitere sollen in Kürze folgen:
  • Facebook-Login: Seit gestern müssen alle Apps, die auf Daten wie Check-ins, Likes, Fotos, Posts, Videos, Events und Gruppen zugreifen wollen, von Facebook freigegeben sein. Auf Daten über religiöse oder politische Überzeugungen, den Beziehungsstatus, Ausbildung und Arbeitgeber, sportliche Aktivitäten, gelesene Bücher und Nachrichten, gehörte Musik, gesehene Videos, gespielte Spiele sowie benutzerdefinierte Freundeslisten können die Apps gar nicht mehr zugreifen. Ab der kommenden Woche wird zudem die Datenweitergabe an Apps, die der Benutzer seit drei Monaten nicht mehr verwendet hat, eingestellt.

  • Suche und Konto-Wiederherstellung: Die Suche nach Telefonnummern und E-Mail-Adressen wurde eingestellt. Aus Sicht normaler Benutzer erleichterten diese beiden Suchvarianten das Auffinden von Bekannten, doch Facebook machte es damit auch Datensammlern sehr leicht – einfach das Telefonbuch oder eine E-Mail-Liste durchgehen und schon hat man den dazugehörigen Realnamen sowie alle nicht vom Benutzer blockierten Daten. Aufgrund "des Ausmaßes und der Raffinesse", welche Facebook bei Datensammlern beobachten musste, blieb keine Alternative als das Abschalten dieser Suchen. Ähnliche Maßnahmen sind für die Konto-Wiederherstellung geplant.

  • Anruf- und Textverlauf: Die Android-Versionen der Apps Facebook Messenger und Facebook Lite führten bisher penibel Buch über jeden Anruf und jede SMS. Zwar wurden keine Inhalte gespeichert, doch Facebook wusste, wer wann von wo mit wem kommuniziert hatte. Die Zustimmung zu dieser Datensammlung begründete Facebook mit einer besseren Kontaktliste, auf der häufig genutzte Kontakte weiter oben angezeigt werden. Zukünftig will Facebook diese Daten nach einem Jahr löschen und auch weit weniger Daten erheben.

  • App-Einstellungen: Ab dem kommenden Montag wird Facebook einen Link oberhalb der Nachrichten einblenden, welcher die Benutzer zu den App-Einstellungen führt. Dort kann man dann sehen, welche Apps man nutzt und welche Daten mit diesen geteilt wurden. Betroffene von der Datenweitergabe an Cambridge Analytica sollen an dieser Stelle ebenfalls informiert werden. Zudem wird es möglich sein, nicht mehr benötigte Apps zu entfernen.

  • Events-API: Ab sofort können Apps nicht mehr auf die Gästeliste einer Veranstaltung oder Mitteilungen auf der Event-Wall zugreifen. Bisher wurde dies selbst bei privaten Veranstaltungen (Omas Geburtstag) geduldet, um das Erstellen von Kalendereinträgen oder den Verkauf von Eintrittskarten zu erleichtern. Zukünftig werden App-Entwickler zudem "strikte Vorgaben" akzeptieren müssen, bevor ihre App die Events-API nutzen darf.

  • Groups-API: Der Zugriff auf Gruppen über das Groups-API kann zukünftig nicht mehr von einfachen Mitgliedern gewährt werden. Stattdessen müssen der Gruppen-Administrator und Facebook ihre Zustimmung erteilen. Die Mitgliedsliste soll für Apps tabu sein, und persönliche Daten wie Name und Profilbild will Facebook vor der Weitergabe von Beiträgen und Kommentaren an die Apps entfernen.

  • Pages-API: Bisher konnte jede App über das Pages-API alle Beiträge und Kommentare auf Facebook lesen. Ob die App überhaupt einen sinnvollen Mehrwert bietet, wurde nicht überprüft. Damit ist es jetzt vorbei, denn alle Apps, welche das Pages-API weiterhin nutzen möchten, werden zunächst von Facebook begutachtet.

  • Partnerkategorien: Das Produkt "Partnerkategorien", über das Drittanbieter aus dem Bereich des Datenhandels ihre gezielten Aktivitäten direkt auf Facebook anbieten konnten, soll in Kürze eingestellt werden.

Betrachtet man obige Liste der durchgeführten bzw. geplanten Verbesserungen im Bereich des Datenschutzes, werden Facebooks bisherige Versäumnisse überdeutlich. Für das Wachstum der Plattform und die Monetarisierung der Daten wurde es Drittanbietern sehr leicht gemacht, am Datenreichtum des sozialen Netzwerks teilzuhaben. Und das dürfte den Verantwortlichen auch schon vor Jahren bewusst gewesen sein.

Autor: mid
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