AMD Radeon RX 480 - hart auf Kante gebaut

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150 Watt typische Spieleleistung? Leider nicht!



Im Presse-Briefing stellte AMD auf Rückfragen klar, dass es sich bei der Angabe von 150 Watt nicht um die Maximum Boardpower handele, sondern um die typische Leistungsaufnahme unter Spielen. Das überraschte uns umso mehr, da es bedeuten könnte, dass manche Applikationen eine höhere Leistung einfordern könnten, AMD die Grafikkarte aber nur mit einem 6-Pin-Stromanschluss ausgerüstet hat. Wir gingen davon aus, dass der Hersteller dies über die PowerTune-Drossel lösen würde, wurden dann aber doch erheblich überrascht.

Spiel Leistungsaufnahme maximal Gesamt (Watt) Leistungsaufnahme maximal PEG-Slot (Watt)
DOOM 160,81 74,22
BioShock Infinite 169,99 79,58
Dying Light 169,14 81,82
TES V: Skyrim 150,11 70,71
Far Cry 4 167,68 80,82
Crysis 3 162,37 78,10
Thief 156,09 73,03
GTA V 174,54 83,38
Batman: AK 164,69 79,50
The Witcher 3 165,57 78,30
AotS 165,61 80,55
The Evil Within 161,33 76,95
Fallout 4 161,83 77,05
The Division 164,49 78,32
Just Cause 3 162,82 77,24
Rise of the Tomb Raider 162,81 77,62
Anno 2205 158,47 72,89
CoD: Black Ops III 164,41 78,43
AC Syndicate 164,71 78,44
Hitman 166,94 78,87
ME Catalyst 165,89 80,04


Nach unseren Überprüfungen haben wir es hier keineswegs mit einer Grafikkarte zu tun, welche typisch 150 Watt unter Spielen für sich einfordert, sondern vielmehr mit einem Modell, welches sich im Mittel bei 160 bis 165 Watt einpendelt. Unser Eindruck war es auch, dass das PowerTune-Limit bezüglich der Leistungsaufnahme so ausgelegt ist, dass es sich im Bereich zwischen 162 bis 165 Watt unter Last einpendelte – wir zeigen vorstehend die durchschnittlichen Maximalwerte.

Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
exemplarisch Far Cry 4 exemplarisch HAWX


Spezifikationen verletzt (Update)



Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Auszug PCIe-Spezifikationen
Doch mit den Messungen und unserer Tabelle stellt sich ein weiterer Punkt ein. Die PCI-Express-Spezifikationen, welche eine maximale Leistungsaufnahme von 75 Watt für den PCI-Express-Slot vorsehen, werden klar überschritten. Geht man ins Detail und schaut in die Spec, so wird die 12-Volt-Leitung gar auf 5,5 A und somit 66 Watt festgeschrieben.

Unsere Messungen ohne Lockerung des PowerTune-Limits ergaben teils Spitzen von bis zu 85 Watt, aber selbst im Durchschnitt verletzten fast alle Spiele permanent in der durchschnittlichen Leistungsaufnahme die vorgesehenen 75 Watt für den PEG-Slot.

Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Am schlimmsten wurde es, als wir das PowerTune-Limit schlicht lockerten und das System mit HAWX unter Last setzten. Bis zu 230 Watt Gesamt-Leistungsaufnahme forderte sich die RX 480 hier ein, und Spitzen von bis zu 113 Watt liefen dabei über den PCI-Express-Slot. Also was tun mit diesen Erkenntnissen? Es war auszuschließen, dass wir es mit einem defekten Testmuster zu tun hatten, denn von wenigstens vier Kollegen wussten wir, dass man auf ähnliches Verhalten gestoßen war, teils eben die Last über den PCI-Express-Slot auf Grund Zangenamperemeter-Messungen nicht mit Sicherheit eingrenzen konnte.

Wir fragten bei AMD nach. Erst nach einigen Tagen erhielten wir eine überraschte Rückmeldung, dass man sich bei der Ermittlung der typischen Leistungsaufnahme unter Spielen an die im Hause übliche Herangehensweise gehalten habe. Man fragte unsere Messmethodik an, welche wir bereitwillig mitteilten. Zum PCI-Express-Problem und den Spezifikationen wollte man sich noch einmal separat melden. Die Rückmeldung zu beiden Fällen blieb dann aber aus.

Wir hielten Rücksprache mit einem Mainboard-Hersteller. Der meinte, im schlimmsten Falle würde eine Schutzschaltung greifen und das System abschalten. Bereits seit Jahren würde man Schutzschaltungen auf Hauptplatinen einsetzen, da man es häufig auch mit schlechten Stromnetzen in Schwellenländern zu tun habe. Das machte uns stutzig, beruhigte uns aber nicht wirklich.

Im nächsten Schritt wälzten wir erneut die PCI-Express-Spezifikation. Die genannten Werte beziehen sich dabei auf Netzteilhersteller, aber auch auf Komponentenhersteller, welche PCI-Express-Sockel fertigen. Letztere müssen hier nicht damit rechnen, dass eine Leistungsaufnahme jenseits von 75 Watt erfolgt. Die Netzteilhersteller für sich müssen den PCI-Express-Sockel über den 24-Pin-Mainboard-Netzteilstecker und über die 3,3 Volt- und 12-Volt-Leitung hinreichend mit Strom versorgen. Hinreichend dimensionierte Netzteile dürften hier absolut kein Problem mit sich bringen. Gerade namhafte Hersteller achten sehr wohl auf die Umsetzung von hinreichend dimensionierten und stabilen 12-Volt-Schienen und statten diese teils noch mit Überlastungsschutz aus.

Ein fahler Beigeschmack bleibt dennoch, ganz zu schweigen von AMDs fehlendem Feedback zu diesem ungewöhnlichen Umstand. Prinzipiell hätte man das vermeiden können, indem man die hohe Leistungsaufnahme aus dem PEG-Socket schlicht begrenzt und den Mehrbedarf auf den 6-Pin-Stromstecker verlagert. Zwar findet dann auch hier eine Spezifikationsverletzung statt, das hat AMD jedoch nicht zum ersten Mal getan. Dabei genügt es dann wirklich, wenn die Netzteile schlicht ausreichend dimensioniert sind. Sei es drum, wir sind auf Feedback des Herstellers gespannt, wenn es denn noch kommt.

Update 30.06.2016:
Wir haben auf Grund der Aussage des Mainboard-Herstellers gestern noch einmal zwei Hauptplatinen vermessen und können einerseits bestätigen, dass die 12-Volt-Pins des 24-Pin-ATX-Steckers direkt mit der 12-Volt-Leitung des PCI-Express-Slots verbunden sind. Im Verlauf des Pfades konnten wir keine Schutzschaltungen antreffen, welche das Mainboard im Fall der Fälle abschalten könnte. Wenn überhaupt, müsste dies also durch eine etwaige Schutzschaltung seitens des Netzteils erfolgen. Eine wichtige Größe bleiben in dem Falle also schlicht auch das Netzteil und die Stützlast, welche über die 12-V-Leitung des ATX-Steckers geboten wird.

Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Wir haben uns darum auf die Suche nach ein paar älteren Netzteilen der kleinere Klassen gemacht. In den Fällen eines Sea Sonic SS430 und SS380 fanden wir jeweils 17 Ampere, und im Falle eines be quiet! Straight Power 400W fanden wir gar 18 Ampere für die 12-Volt-Leitung des ATX-Steckers. Damit stünden in der Theorie 204 bis 216 Watt dem Mainboard zur Verfügung, wovon ein Teil noch von der CPU abgezapft wird. Eine einzelne Radeon RX 480 sollte hier prinzipiell noch keine Probleme bereiten.

Problematisch könnten allenfalls noch die nahe zusammen liegenden 12V-Pins der Grafikkarte werden. Wie diese auf die hohe Leistungsaufnahme reagieren, können wir abschließend nicht beurteilen.

Update 8. Juli 2016:
Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
AMD hat heute der "allgemeinen" Presse den Crimson-Treiber in Version 16.7.1 Beta zur Verfügung gestellt. Wir haben ihn ausführlich durchgetestet, müssen in diesem Kapitel allerdings klar sagen, dass AMD nicht konsequent ist! Eine 150-Watt-Grafikkarte – typische Leistungsaufnahme unter Spielen – hatte man im Vorfeld versprochen, das Treiber-Update sorgt dafür aber nur bedingt.

Den unsäglichen Namen "Kompatibilitätsmodus" hat man im Treibermenü eingeführt und diesen nicht selbsterklärenden Punkt dann von Hause aus deaktiviert. Das bedeutet für die Praxis, dass wir es ohne Eingriffe im Mittel noch immer mit einer Grafikkarte zu tun haben, welche sich in Spielen zwischen 162 und 165 Watt an Leistungsaufnahme einverleibt.

Erst wenn man diesen Punkt aktiviert, relativiert sich das Bild. Die Grafikkarte richtet sich dann eher in Richtung 155 Watt bei fordernden Spielen aus und erreicht bei weniger fordernden Titeln 150 Watt. Das kostet natürlich Leistung, was wir im Kapitel der Performance-Betrachtung nachgetragen haben.

Die Spezifikationsverletzungen hat man nun überwiegend beseitigen können. AMD verlagert mit dem neuen Treiber – wie erwartet – die Last vom PCI-Express-Bus weg zum 6-Pin-Stromanschluss. Natürlich reisst dieser damit ebenfalls die PCIe-Specs, jedoch ist dies durch ausreichend dimensionierte Netzteile problemlos zu stemmen.

Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Neuer Treiber Default Neuer Treiber manuell Kompatibilität


Wie unsere vorstehenden Messungen zeigen, verletzt AMD prinzipiell die Spezifikationen des PEG-Slots weiterhin, bleibt aber im Default-Modus grundsätzlich noch unterhalb der maximal erlauben 75 Watt. In den Spitzen gelangt man noch in Richtung 77 Watt, aber es gibt grundsätzlich auch mit älterer Hardware keinen Grund zur Sorge mehr.

Bild: AMD Radeon RX 480 – hart auf Kante gebaut
Im C-Modus (Kompatibilitätsmodus des Treibers) bleibt man gar deutlich unter den Werten und nähert sich eher den exakten Spezifikationen. In diesem Modus erkennen wir eher eine Grafikkarte mit den Ambitionen, im Mittel eines Spiels 150 Watt zu benötigen. Aber den Modus von Hause aus zu aktivieren, hat sich AMD erspart, schlicht weil man den Performance-Verlust nicht in Kauf nehmen möchte, wenngleich man diesen als marginal bezeichnet. Das werden wir im Bereich Performance dann näher erläutern.

Ein Problemkind bleibt, was AMD auch nicht ausschließt, in der vagen Anküundigung zum neuen Treiber. "Solange die Karte innerhalb ihrer Spezifikationen betrieben wird" – dies schließt natürlich Übertakten mit ein, doch auch ohne diesen Umstand: Sobald man das PowerTune-Limit im Wattman lockert, sind die Specs schon wieder dahin. Auch das hätte man sich mit der Verlagerung ersparen können. Hat man aber nicht. Im Worst Case eines Spiels frisst die Karte bei gelockertem PT-Limit 230 Watt und haut maximal 105 Watt in der Leistungsaufnahme über den PCI-Express-Slot.


 

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