Nachrichten

Mögliche Klagewelle wegen Geheimhaltung?

Apple bestätigt beabsichtigte Leistungsdrosselung bei iPhones

Mobile | HT4U.net
Immer wieder berichteten iPhone-Besitzer, dass ihre Telefone nach dem Einspielen bestimmter Updates spürbar langsamer liefen. Bisher fehlten für dieses Phänomen sowohl eine schlüssige Erklärung als auch ein stichfester Nachweis, doch nachdem John Poole von Geekbench das Problem nachstellen konnte, brach Apple endlich sein Schweigen.

Ein Beitrag auf Reddit hatte den Stein ins Rollen gebracht. Dort hatte der Benutzer TeckFire berichtet, dass er den Leistungseinbruch bei seinem iPhone 6S durch einen Akku-Austausch beheben konnte. Mit der alten Batterie erreichte TeckFire im Geekbench-Test lediglich 2.512 Punkte (single-threaded: 1.466 Punkte). Nach dem Einbau einer neuen Batterie stiegt die Leistung sofort auf 4.456 Punkte (single-threaded: 2.526 Punkte) an. Der Leistungsgewinn beläuft sich auf 77,39 Prozent (single-threaded: 72,31 Prozent) und bewegt sich damit in einem Bereich, den man beim Sprung über mehrere Smartphone-Generationen erwarten darf.

Für John Poole klang TeckFires These schlüssig und so begann er diese anhand der Messwerte in der Geekbench-Datenbank zu verifizieren. Schnell zeigte sich, dass es beim iPhone 6s seit iOS 10.2.1 zu auffälligen Häufungen kommt. Die meisten Geräte erreichten im Single-Thread-Durchlauf 2.500 Punkte, doch es gab auch viele Telefone, die lediglich 2.200, 1.750, 1.450 oder 1.050 Punkte schafften. Mit iOS 11.2.0 hat sich dieser Effekt weiter verstärkt und nun zeigt auch das iPhone 7 vergleichbare Auffälligkeiten. Hier markieren 3.500 Punkte das Soll, doch etliche Telefone leisten nur 2.650, 2.250 oder 1.800 Punkte. Das konnte kein Zufall sein, schließlich hatte Apple mit iOS 10.2.1 das plötzliche Abschalten von iPhones, deren Ladestand auf etwa ein Drittel gefallen war, beseitigt.

Gegenüber TechCrunch hat Apple die Vermutungen inzwischen bestätigt: Die von Apple verbauten Lithium-Ionen-Batterien tun das, was alle Akkus auf Basis dieser Technologie tun – sie altern und können mit der Zeit die vom Prozessor geforderten Stromspitzen nicht mehr liefern. Damit es in diesen Situationen nicht zu einer unkontrollierten Notabschaltung kommt, muss Apple das Entstehen von Stromspitzen abfangen und dies gelingt einzig und alleine durch eine Drosselung der CPU-Leistung. Beim iPhone 6, iPhone 6s und iPhone SE geschieht dies seit iOS 10.2.1, während iOS 11.2.0 diese Strategie auch auf das iPhone 7 erweitert. Nach eigenen Angaben setzt Apple auf das "beste Benutzererlebnis" und bemüht sich daher um einen Kompromiss aus "Gesamtleistung" und "Langlebigkeit".

Mit dem Wort "Gesamtleistung" spielt Apple darauf an, dass die radikale Leistungsbremse nur selten ins Gewicht fällt. Fürs Surfen und Schreiben von Mitteilungen, zum Medienkonsum und die meisten Apps reicht die Leistung der im Prozessor integrierten Stromsparkerne, die weiterhin mit voller Geschwindigkeit arbeiten, aus. Lediglich Benchmark-Tests, Video-Bearbeitung und aufwändige Spiele fordern die volle Kraft des Apple-Prozessors und hier stößt man auf gravierende Defizite. Obwohl sich Apple um eine nachvollziehbare Begründung bemüht, gibt es damit ein großes Problem: Die Käufer des iPhone erwarten nicht, dass die Rechenleistung ihrer Telefone mit fortschreitendem Alter rapide abnimmt und Apple hat dies auch nirgendwo dokumentiert.

Leider beharrt Apple darauf, die Lithium-Ionen-Akkus fest im iPhone zu verbauen und zu verkleben. Statt auf austauschbare Batterien zu setzen, erklärte Apple lieber, dass ein Wechsel der Akkus gar nicht notwendig sei, da deren Lebensdauer für die typische Nutzungszeit eines iPhones völlig ausreiche. Doch die vorliegenden Zahlen zeichnen ein gänzlich anderes Bild: Das iPhone 6s wurde am 25. September 2015 vorgestellt und die Leistungsdrosselung begann am 23. Januar 2017 mit der Veröffentlichung von iOS 10.2.1. Nach nur 16 Monaten waren die Verschleißerscheinungen bei etlichen Akkus bereits so groß, dass Apple seine Leistungsbremse ziehen musste – und schon zuvor hatte es die Abschaltprobleme gegeben. Beim am 16. September 2016 vorgestellten iPhone 7 wurde die Drosselung mit iOS 11.2.0 am 2. Dezember 2017 eingeleitet, also nach nur 14,5 Monaten. Und auch bei den aktuellen Baureihen iPhone 8 und X will Apple in naher Zukunft ganz ähnlich verfahren.

Inzwischen wird die Kritik gegen Apples Vorgehen in den Medien und Netzwerken harsch und erste Klagen rollen an. Nichts anderes war eigentlich auch zu erwarten.

Autor: mid
[]