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Klageankündigungen, Untersuchungen und Vorladungen

Skandal um Facebook-Datenmissbrauch und Wählermanipulation durch Cambridge Analytica

Wirtschaft | HT4U.net
Facebook sah sich in der Vergangenheit schon häufig mit Vorwürfen zum Missbrauch der Daten seiner Anwender konfrontiert. Die aktuelle Situation darf man aber unumwunden als Skandal bezeichnen, welcher durchaus Folgen für den Konzern haben könnte. Der Firmenchef wurde bereits zu Anhörungen vorgeladen. Durch den mit dem Skandal verbundenen Fall der Facebook-Aktie gibt es bereits Klageankündigungen, und Datenschützer weltweit nehmen die Untersuchungen auf. Auch der Wahlkampf von Donald Trump rückt in ein schlechtes Licht, war doch die Firma Cambridge Analytica hier involviert.

Die Behauptungen der Meinungsmacher und die Rolle Facebooks

In diversen Pressemitteilungen hatte Cambridge Analytica seinerzeit erklärt, dass Trump ein äußerst kontroverser Kandidat war und man deshalb auf eine besonders sprunghafte Strategie im Wahlkampf gesetzt habe. In Trumps Wahlversprechen ging es demnach nicht um politische Ziele, sondern nur darum, den Wählern das zu versprechen, was eine große Mehrheit hören wollte. Selbst krasse Widersprüche sahen die Meinungsmacher nicht als Nachteil, solange jede Zielperson dabei genau das geboten bekam, was sie sich gerade wünschte. Die Botschaft von Cambridge Analytica lautete: Fast jedes Ziel ist erreichbar, egal wie unsinnig oder unwahrscheinlich. Man muss nur wissen, wie man die Menschen steuern kann. Und wir wissen das.

Um Meinungen zu beeinflussen, benötigt man Informationen

Um immer neue Trends bedienen zu können, benötigte Cambridge Analytica Daten, und damit das Ganze wichtiger klingt, nennt man das heute "Big Data". Eine Schlüsselrolle spielte dabei das soziale Netzwerk Facebook, über das Wähler eindeutig identifiziert (dem Klarnamenzwang sei Dank), analysiert (denn sie präsentieren dort ihre Kontakte, Vorlieben und Meinungen) sowie mit einer auf sie zugeschnittenen Werbung manipuliert wurden. Trumps Team habe die sozialen Netzwerke täglich mit neuen Mitteilungen geflutet und diese bezahlten Inhalte dann durch die Nutzerschaft des Netzwerkes weitertragen zu lassen. Geriet Trump aufgrund seiner Aussagen unter Beschuss, wurden die Mitteilungen an die jeweilige Zielgruppe entsprechend angepasst.

Für Meinungsmanipulatoren ist Facebook ein besonders fruchtbarer Grund, denn das soziale Netzwerk wählt die passenden Nachrichten für das jeweilige Mitglied aus und engt dessen Weltbild ein, statt es zu erweitern. Auf diese Weise werden Vorurteile bestätigt und Meinungen verfestigt. Und so versprach Cambridge Analytica, dass man Wahlen heutzutage ganz legal kaufen könne. Man müsse nur einen Dienstleister engagieren, der die Dummheit und Manipulierbarkeit des Wahlvolks zu steuern weiß. Obwohl Cambridge Analytica diese Aussagen schon im Dezember 2016 machte, stoppte Facebook erst am 16. März 2018 die Zusammenarbeit mit dieser Firma sowie ihrer britischen Muttergesellschaft "Strategic Communication Laboratories" (SCL).

Facebook ausgetrickst?

Über seinen stellvertretenden Chefjustiziar Paul Grewal lässt Facebook wissen, dass man bereits im Jahr 2015 über eine illegitime Datenweitergabe an Cambridge Analytica informiert war. Damals habe Dr. Aleksandr Kogan, ein Psychologie-Professor an der Universität Cambridge, eine App namens "thisisyourdigitallife" vertrieben, um persönliche Daten von Facebook-Nutzern zu sammeln. Grewal vertritt die Ansicht, dass die Nutzer diese Daten gemäß den Nutzungsbedingungen der App freiwillig bereitgestellt hätten. Er wirft Kogan jedoch vor, diese Daten an Dritte, nämlich Cambridge Analytica, SCL und Christopher Wylie von Eunoia Technologies, weitergegeben zu haben. Facebook soll daraufhin die Löschung der gesammelten Daten verlangt haben, und alle Beteiligten hätten deren Vernichtung bestätigt. Betroffen waren schätzungsweise 270.000 Nutzer und deren Kontakte.

Erst jetzt habe Facebook erfahren, dass die widerrechtlich weitergegebenen Daten womöglich doch noch genutzt werden. Bis zu einer endgültigen Klärung dieses Vorwurfs habe man SCL, Cambridge Analytica, Dr. Aleksandr Kogan und Christopher Wylie auf Facebook gesperrt. Zur Klärung sollten die Digital-Forensiker der Firma "Stroz Friedberg" beitragen, die Facebook am 19. März 2018 zu Cambridge Analytica bzw. SCL geschickt hatte – sowohl Cambridge Analytica als auch Dr. Aleksandr Kogan hätten diesem Vorgehen zugestimmt. Doch das Büro des britischen Datenschutzbeauftragten machte Facebook einen Strich durch die Rechnung und schickte seine eigenen Experten. Und das hat seinen Grund, denn Christopher Wylie, der Facebook zuvor die Kooperation verwehrt hatte, hat inzwischen die Rolle eines Whistleblowers eingenommen.

Aus 270.000 werden 50 Millionen Datensätze

In einem Interview mit der Tageszeitung "New York Times" berichtet Christopher Wylie, dass Cambridge Analytica aus widerrechtlich erworbenen Nutzerdaten von Facebook ein gigantisches Verzeichnis von US-Wählern aufgebaut habe. Wylie, der damals für Cambridge Analytica gearbeitet hatte, berichtet von mehr als 50 Millionen Nutzerprofilen. Damit wäre der Datenabgriff deutlich größer gewesen, als von Facebook bisher behauptet. Offenbar hatten die meisten Freunde der 270.000 App-Nutzer der Datenweitergabe nicht widersprochen, sodass Kogan auch an die Daten der Freunde und gesetzten Likes über seine App gelangte. Rund 30 Millionen Profile waren laut Wylie umfassend genug, um die Nutzer eindeutig identifizieren und analysieren zu können.

Wylie und sein Team hatten eine Software zur weitreichenden Analyse der Wähler anhand weniger Eckpunkte entwickelt. Kogan hatte mit seiner App die benötigten Daten gesammelt, und SCL besaß die notwendigen Verbindungen. Doch SCL durfte als britische Firma nicht im US-Wahlkampf tätig werden. Daher gründeten SCL und der US-Milliardär Robert Mercer das Joint Venture Cambridge Analytica als US-Firma und lizenzierten Wylies Software. Mercer, der sein Geld mit Hedgefonds verdient und die Republikaner mit kräftigen Wahlkampfspenden versorgt, steckte 15 Millionen US-Dollar in das Unternehmen und setzte Trumps damaligen politischen Chefstrategen Stephen K. Bannon als Vizepräsident ein. Als CEO agierte der Brite Alexander Nix, der tatsächlich jedoch weiter für SCL tätig war.

Nix beteuerte gegenüber Ermittlungsbehörden inzwischen, dass Cambridge Analytica keinerlei Daten von Facebook bekommen habe. Der britische Nachrichtensender Channel 4 News hatte Nix allerdings mit versteckter Kamera gefilmt, als dieser mit höchst illegalen Methoden prahlte. So will Cambridge Analytica Ex-Spione beschäftigen sowie mit gefälschten Papieren und Scheinfirmen arbeiten, um ausländische Einflussnahme zu verschleiern. Man würde auch Geldübergaben filmen, um die Kandidaten damit später zu erpressen. Auch Prostituierte preist Nix als effektiven Hebel und empfiehlt die "Mädchen aus der Urkraine". Zumindest lassen diese Videoaufnahmen keine Fragen offen.

Die Folgen sind noch nicht abzuschätzen

Sollte sich nachweisen lassen, dass Donald Trump eine vom Ausland gesteuerte Firma für seinen Wahlkampf engagiert hatte, wäre dies ein erster Beweis für eine illegale Einflussnahme. Es spricht vieles dafür, dass sich das FBI das Konstrukt Cambridge Analytica und dessen Machenschaften ganz genau ansehen wird. Die britischen Ermittler werden Cambridge Analytica und SCL ebenso gründlich sezieren, denn auch in der Brexit-Abstimmung wollen die Meinungsmacher für das Prolager kräftig mitgemischt haben.

Ein Facebook-Shitstorm prasselt aktuell über das Unternehmen hernieder, und Tausende von Anwendern löschten die App. Der Fall der Facebook-Aktie sorgte für erste Klagen, und sämtliche zuständigen Behörden nehmen ihre Untersuchungsarbeit auf. Was dabei noch alles zutage gefördert wird, bleibt abzuwarten.

Autor: mid
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